Dass die Andere Bibliothek ungewöhnlich ist, erkennt man schon am Namen. Dass Band 317 etwas Besonderes ist, sieht man auf den ersten Blick. Da das ungewohnte Design vielerorts für Verwirrung sorgte, wollen wir hier für Aufklärung sorgen.
»Handarbeit« lautet das übergreifende Schlagwort für »Ich grase meine Gehirnwiese ab«, eine Auswahl von Paul Valérys Cahiers (»Hefte«), die vor fast 20 Jahren erstmals ins Deutsche übersetzt wurden. Gerade dieser Heftcharakter sollte bei der Gestaltung des Bandes im Vordergrund stehen, weshalb vollständig auf den Buchrücken verzichtet und die gehefteten Bögen sichtbar gemacht wurden.
Doch etwas wegzulassen ist meist schwieriger als etwas hinzuzufügen – das wurde auch im Laufe des Produktionsprozesses deutlich.
Im Normalfall besteht die Herstellung eines Buches aus folgenden Schritten: Die großformatigen Druckbogen, auf die mehrere spätere Buchseiten gedruckt sind, werden gefalzt und in der korrekten Reihenfolge zusammengetragen. Nun wird der Vorsatz, d.h. das oft dickere und verzierte Papier, das später auf die Innenseite des Buchdeckels geklebt wird, je mit dem Titel- und dem Schlussbogen verbunden. Die gefalzten Bogen werden nun fadengeheftet und geleimt, so entsteht der Buchblock. Dieser wird vorne, oben und unten beschnitten. Nun kann man die Bogen öffnen und im »Buch« blättern. In einem weiteren Schritt wird der Buchrücken gerundet und erhält somit seine typische Form. Schließlich wird der Block „eingehängt“, also mit dem vorderen und hinteren Vorsatzblatt an die Buchdecke geklebt.
Auch als größtenteils automatisierter Prozess verlangt die Buchproduktion nach Mitarbeitern, die alle Arbeitsabschnitte prüfen und überwachen. Je nach Papier- und Einbandbeschaffenheit ist es z. B. nötig, die Maschinen von Hand zu justieren. Band 317 stellt nun einen extremen Sonderfall dar, der mehr Handarbeit von den Buchbindern verlangte als gewöhnlich.
An erster Stelle stand seltsamerweise eines der letzten Teile des Buches – das typische rote Rückenschild der Anderen Bibliothek. Es wurde weit vor dem eigentlichen Druck der Bögen hergestellt, damit es bei Beginn des Bindeprozesses verfügbar war. Sonst wird das Schild zum Schluss auf den Buchrücken geklebt – übrigens immer in Handarbeit –, doch bei Valéry gibt es eben diesen gar nicht. Also wurden die Schilder mit der goldenen Schrift geprägt, ausgestanzt, mit der Nut zum Aufschlagen versehen und von Hand einzeln herausgebrochen.
Doch zurück zum Anfang. Wie in anderen Fällen auch, wurden die bedruckten Bögen maschinell gefalzt und fadengeheftet. Danach wurde jeder Buchblock einzeln und von Hand zum Leimen in eine Maschine gelegt, ebenso wie zum dreiseitigen Beschneiden und zum Runden.

Die gefalzten und sortierten Bögen mit aufgeschlagenem Vorsatzblatt.
Normalerweise würde nun das maschinelle Einhängen folgen. Doch da die „nackten“ Rücken der Bogen später zu sehen und nicht unter dem Einband versteckt sein sollten, mussten die Buchblöcke vor den nächsten Arbeitsschritten trocknen.
Anschließend wurden das rote Rückenschild und das Vorsatzblatt auf den Buchblock geleimt – wieder bei jedem einzelnen Exemplar von Hand. Besonders beachtet werden musste dabei die korrekte Höhe des Schildes; bei jedem Band der Anderen Bibliothek steht es für ein einheitliches Gesamtbild am gleichen Platz auf den Buchrücken. Auch jedes Lesebändchen wurde von einem Mitarbeiter händisch unter den Vorsatz eingearbeitet. Für gewöhnlich verschwindet das Bändchen unter dem Buchrücken.

Bei diesem Probeband mit leeren Seiten und ohne Einbandmaterial um den Buchdeckel sitzt das rote Rückenschildchen noch nicht richtig.

Das Lesebändchen konnte aufgrund des fehlenden Buchrückens nicht auf den Buchblock direkt geleimt werden, sondern wurde von Hand unter das hintere Vorsatzblatt geklebt.
Wo im Regelfall nun eine Maschine die fertige Buchdecke, bestehend aus den mit dem Einbandmaterial überzogenen zwei Deckelpappen und dem dazwischen liegenden Rückenschrenz, mit dem Buchblock zusammenführen würde, mussten bei den Cahiers wieder die Mitarbeiter persönlich ran: Jeder Deckel wurde einzeln vorne und hinten von Hand auf die Vorsatzblätter geklebt.

Ein weiterer Probeband, noch mit unbedrucktem Schuber.
Eine Menge Handarbeit, und das bei etwas über 6.000 Exemplaren! Herr Zillmann von der Buchbinderei Lachenmaier schätzt, dass die Herstellung von Band 317 fast doppelt so lange wie gewöhnlich gedauert hat. Die langen Trocknungsphasen des Buchblockes zum einen sowie die zweifache Arbeit beim Anbringen des Einbandes zum anderen machten die Produktion so aufwändig. Sind es sonst 24 Personen, die an einem Band arbeiten, waren es in diesem Fall 32, wobei jeder Mitarbeiter für einen Produktionsschritt zuständig war.

Die Andere Bibliothek ist mit „Ich grase meine Gehirnwiese ab“ um ein Schmuckstück reicher geworden. Und zum fehlenden Rücken sagen wir in guter Frankfurter Mundart: Des g’hört so.

Die Zwischenschritte bis hin zum Endprodukt.
Vielen Dank an Herrn Markus Zillmann von der Buchbinderei Lachenmaier in Reutlingen für die ausführlichen Informationen zum Herstellungsprozess. Und natürlich auch unserer Herstellerin Susanne Reeh für die vielen Informationen und die Geduld.

Der ungewöhnliche Band 317 umrundet von seinen Kollegen.
Sonja, Presse & Social Media